
Wir kommen aus Köln
Unser Therapeut hat gesagt: Geht offensiv damit um, zeigt Haltung, und irgendwann haben die Berliner keine Lust mehr, darüber Witze zu machen. Die Düsseldorfer auch nicht. Von den Frankfurtern, Hamburgern, Münchner ganz zu schweigen. Die Wuppertaler? Nein. Die Gelsenkirchener? Äh, nope.
Also denn ...
John Wesley war fassungslos. „Am nächsten Abend kamen wir gegen fünf Uhr in Köln an, in der hässlichsten und schmutzigsten Stadt, die ich je mit eigenen Augen sah“, notierte der englische Reisende angewidert und ließ durchaus indigniert einige weitere Bemerkungen fallen, die seine Aufnahme in den erlauchten Kölner Ehrenbürgerkreis mindestens erschwerten.
"This town is ugly, isn't it?"
„Köln ist schlampig, dreckig und planlos“, antwortet Elke Heidenreich, die sogar in Köln wohnt, am liebsten aber wegziehen würde. Und ja, natürlich gibt es Dutzende weitere Urteile dieser Art, Hunderte möglicherweise, es kommen ja so schrecklich viele Menschen nach Köln (2018 kamen 3,7 Milionen und gaben 6,7 Milliarden aus – siehe koeln.de), und nicht alle trinken so viel Kölsch, dass ihr Urteilsvermögen gnädig den Geist aufgibt. Das Faszinierende ist nur: Elke Heidenreichs Schelte ist wenige Wochen alt. John Wesley indes schrieb seinen Ekel vor exakt 283 Jahren in die Welt hinaus, wahrscheinlich ging es ihm danach etwas besser.
Köln, die abwaschbare Stadt
In den vergangenen 300 Jahren scheint sich in Köln also nicht wirklich viel zum Guten gewendet zu haben. Und dabei ist enorm viel passiert! Zum Beispiel die Erfindung der Kachel. Okay, zugegeben: Die gab es anderswo möglicherweise schon früher. Mit einigermaßen tödlicher Sicherheit lässt sich jedoch sagen, dass der Kölner an sich als erster auf die Idee kam, ganze Straßenzüge hemmungslos zuzukacheln – U-Bahn-Stationen inklusive! Es gibt Ecken in Köln, die sehen aus wie ein gigantischer Sanitärbereich. Sicherlich ein probates Mittel, wenn man seine Stadt ohne großen Aufwand sauber halten will. Zu dumm nur, dass das in Köln eher nur mittel gut klappt.
Jedenfalls: Kacheln. Auf diese alles in allem sehr pragmatische Gestaltungsidee, dieses Feuerwerk der Abwaschbarkeit, kam der Kölner irgendwann in der Nachkriegszeit. Die Alliierten hatten den Einheimischen tatsächlich noch einige Häuser, ja sogar eine halbwegs unversehrte Oper für den großzügigen Abriss übrig gelassen, danach war der Weg frei für mancherlei bizarre Architekturidee und die Verwirklichung eines fieberhaften Traums: den von der autogerechten Stadt. Die Bagger rückten an, die Betonmischer wurden angeworfen, und als alles fertig war, starrte man ehrfürchtig auf diese Stadt und stellte fest, dass sie zweimal zerstört worden war: erst von den Bombern, dann von den Stadtplanern.
Ein Platz, wo?
Heute ist Köln ein verstörender Mix aus den größten architektonischen Pleiten der 50er, 60er, 70er, 80er und 90er. Danach kamen die Häuser mit den Schießscharten- Fenster, die in Berlin gerade niemand mehr brauchen konnte. Findet man vier intakte und schön sanierte Altbauten nebeneinander, schluchzt man gerührt und möchte eine Staffelei herbeischaffen, um derart verschwenderische Schönheit auf angemessene Weise festhalten zu können. Stößt ein Ortsunkundiger indes auf ein Straßenschild, auf dem irgendetwas mit „Platz“ steht, Barbarossaplatz zum Beispiel, schaut er sich verwundert um: Platz? Wo?
In solchen Momenten muss man den Ortsunkundigen sacht an die Hand nehmen, ihn zu den Straßenbahnschienen führen, die eigentlich U-Bahn-Schienen sind, aber an dieser Stelle halt gerade oberirdisch verlaufen, zu den autobahnähnlichen Straßen und den verkehrsumtosten Taxi-Haltestellen und Getränkebuden, ihn also mit der Nase auf die gesamte Pracht des stadtplanerischen Waltens stoßen und ihm schonend beibringen, dass der Kölner so etwas, also genau so etwas als Platz bezeichnet.
Da macht der Ortsunkundige aber große Augen!
Die gekachelte Event-Bude des Rheinlands.
Fairerweise muss man sagen, dass viele Menschen Köln ganz doll lieb haben. Also erstens: Kölner. Die sind halt so. Und weil sie so sind, ist Köln so. Zweitens: Leute aus dem Umland, deren Dorfdisko mit Jägermeister-Red-Bull-Flatrate leider einem Gewerbegebiet weichen musste. Auf der Suche nach Ersatz haben sie Köln entdeckt, die ganzjährige Karnevalshochburg, das Epizentrum enthemmter Junggesellenabschiede, die radikal gekachelte Event-Bude des Rheinlands, mit Shisha-Bars, die für 80 Prozent des CO2-Ausstoßes in Europa haftbar zu machen sind, und Lokalitäten, die während einer Sonderrabatt-Aktion die weltweiten Restbestände des richtig schlechten Geschmacks aufgekauft haben. Miese Musik? Findet man hier. Bescheuerte Motto-Partys? Findet man hier. Haarige Musikermännerbeine im Schottenrock Findet man hier (hallo, Brings-Fans). Lappenclowns in der Karnevalszeit, Lappenclowns in der Nicht-Karnevalszeit, Lappenclowns auf den Fensterbänken? Hier, hier, hier